Zu Besuch im Freilichtmuseum Stübing

Wenn wir so durch das Land fahren, werden oft Kindheitserinnerungen an Ausflüge oder Urlaube mit meiner Familie wach, die einst immer in die nähere und nicht zu weite Umgebung gingen, die aber bis heute zu den Glanzpunkten meiner Kindheit und Jugend zählen.

Den ersten Urlaub, an den ich mich erinnern kann, war auf einem uralten Bauernhof. Geschlafen wurde in der „Herzerlstube“, deren Bett so kurz war, dass mein Vater schräg liegen musste, wenn er sich ganz ausstrecken wollte. Warmes Wasser kam vom großen Herd, der in der Stube thronte und wurde nur dazu verwendet, die kleine Waschschüssel im Zimmer zu füllen, damit Waschlappen und Seife in Aktion treten konnten. Bei Schönwetter wurde die Morgentoilette beim Brunnen oder im eiskalten Gebirgsbach absolviert und am Samstagabend war der Luxus eines warmen Bades angesagt. Nach und nach wurden wir dann in einer Standwanne, die mit warmen Wasser gefüllt und dann händisch ausgeleert wurde, abgeschrubbt, bis wir glänzten und sicher alle sauber waren.

Zum Frühstück gab es selbst gebackenes Brot von der Bäuerin, auch Butter und Marmelade waren selbst gemacht. Dann wurden Brote geschmiert, für jeden ein Apfel eingepackt und die Thermoskanne mit Kräutertee gefüllt, denn es ging hinaus in die Natur.
Nach ausgiebigen Wanderungen wurden die Füße im kalten Wildbach abgekühlt, mein Vater schnitzte so manches Schiffchen aus Baumrinde, das wir dann um die Wette schwimmen ließen. Natürlich durfte ein mit Schnitzmustern versehener Stock nicht fehlen, der beim Wandern gute Dienste leistete und den wir verwendeten, um am Abend beim Nachhausetreiben der Kühe „helfen“ zu können.

Wenn dann die Mägen nach all den Tagesaktivitäten so richtig knurrten, tischte die Bäuerin das Abendessen auf, bei dem die Zutaten Verwendung fanden, die der Bauerngarten oder die Felder hergaben.

Gruselig und mit Furcht behaftet waren die Nächte, in denen schwere Gewitter übers Land zogen. Die ganze Bauernfamilie und auch wir Gäste waren in der Stube versammelt, es wurde gebetet, damit der Hof verschont bliebe und überall standen vollgefüllte Wassereimer, damit im Fall des Falles jeder oder jede sofort beim Löschen der Flammen helfen könnte.

Aber die Nächte gingen vorüber, ein neuer Tag mit viel frischer Luft und strahlendem Himmel brach an und brachte neue Abenteuer, die wir gemeinsam in vollen Zügen genossen und die mir noch heute schöne Erinnerungen bescheren.

Und genau diese Erinnerungen kamen bei unserem Besuch im Österreichischen Freilichtmuseum Stübing wieder, das 15 km von Graz entfernt, in einem Natura 2000 – Naturschutzgebiet, dem Tal der Geschichte(n,) liegt.

Das zum Universalmuseum Joanneum gehörende Freilichtmuseum lädt dazu ein, einfach die Natur zu genießen, eine Zeitreise durch sechs Jahrhunderte bäuerlicher Lebenskultur aus ganz Österreich zu absolvieren und die vielfältigen Lebensformen der bäuerlichen Vorfahren kennenzulernen.

Rund 100 historische bäuerliche Bauten wollen besichtigt werden, die aus ganz Österreich zusammengetragen und in Stübing eine neue Heimat gefunden haben.

In den einzelnen Objekten können Besucher und Besucherinnen nicht nur die jeweiligen Lebensumstände der einstigen Bewohner und Bewohnerinnen nachvollziehen, die Wohn- und Wirtschaftsbauten erzählen auch eindrucksvolle Geschichten über das harte Leben, das durch Naturgewalten und Arbeit dominiert wurde.

Stübing ist nicht nur eine Bewahrungsstätte von historischen Bauten, es ist ein „lebendes“ Museum, das auf traditionelle Weise gepflegt und mit zahlreichen Ausstellungen und Festen punktet. 

In Kooperation mit nationalen und internationalen Wissenschafts- und Bildungsinstitutionen wird nicht nur gesammelt und dokumentiert, es werden durch neue Erkenntnisse auch Wissenslücken in vielfältigen Themenbereichen, wie z.B. Bauwesen, ökologische Landwirtschaft, Umwelt und auch Nachhaltigkeit aufgefüllt.

Interessierte können an diversen Workshops mitmachen, in denen von Handwerk bis zur Handarbeit oder Alltagswissen allerlei Nützliches vermittelt wird.

Wer sich intensiver einbringen will, kann eine Patenschaft für Museumsobjekte eingehen oder selbst tätig werden und seine Freizeit zur Verfügung stellen, um das Museumsdorf in voller Frische  zu erhalten.

Österreichisches Freilichtmuseum Stübing
8114 Stübing

Nähere Details, Öffnungszeiten und Eintrittspreise unter www.freilichtmuseum.at

Fotos: ©V. Holzinger, Freilichtmuseum Stübing

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.