Wiener Neustadt – Zu Besuch in der „Allzeit Getreuen“

Wiener Neustadt – Zu Besuch in der „Allzeit Getreuen“

Wenn du auf der Südautobahn durch das Steinfeld in Niederösterreich fährst, ragt auf der einen Seite die Hohe Wand empor und auf der anderen Seite siehst du in der Ferne die Spitzen des Doms, der Akademie und den Wasserturm von Wiener Neustadt.

Mit ihren rund 45.000 Einwohner ist Wiener Neustadt die zweitgrößte Stadt Niederösterreichs, die sich lange Zeit mit St. Pölten um den Landeshauptstadt-Titel beworben hatte.
St. Pölten hat gewonnen, Wiener Neustadt blieb Statuatarstadt und Verwaltungssitz des gleichnamigen Bezirkes.

Zur Zeit der Gründung der Stadt gehörte das Gebiet eigentlich zur Steiermark und der Babenberger Herzog Leopold V. wollte mit der „Neustadt“ ein Bollwerk im Norden seines Rechtsgebietes errichten.
Das Stadtgebiet wurde mit massiven Mauern umgeben, bei denen ein Teil des Lösegeldes, das für die Freilassung aus der Gefangenschaft von König Richard, dem englischen König, bezahlt werden musste, eine größere Rolle spielte.

Friedrich III., der Wien nicht ganz freiwillig den Rücken kehrte, ernannte dann Wiener Neustadt zu seiner offiziellen Residenz und sorgte dafür, dass die Stadt so richtig aufblühte.

Die Georgskirche mit der berühmten Wappenwand, das Neukloster, in der seine Frau Eleonore von Portugal zur letzten Ruhe gebetet wurde, sowie die Ernennung der Stadt zum Bischofssitz zählen wohl zu Friedrichs III. Großtaten.

1487 wurde die Herrschaft Friedrichs III. beendet, da sein Erzfeind Matthias Corvinus nach zweijähriger Belagerungszeit die Stadt eroberte.
Noch heute erinnert der „Corvinusbecher“, der im Stadtmuseum zu bewundern ist, daran, dass Corvinus zwar als Sieger hervorging, den Mut der Bevölkerung bei der Verteidigung der Stadt aber schätzte.

Nach Corvinus Tod konnte Maximilian I. die Stadt rückerobern und wurde nach seinem Ableben auch unter dem Hauptalter der Georgskirche in der Burg bestattet.
Obwohl die Stadt unter Maximilian I. der Status als kaiserliche Residenzstadt entzogen wurde, bleib sie ein wichtiges Bollwerk gegen heranstürmende Kuruzen und Türken.

Wr. Neustadt_©H. Holzinger

Josef II. legte dann durch den Transfer des Bistums von Wiener Neustadt nach St. Pölten unfreiwillig den Grundstein zum Aufstieg der Stadt zur Industriestadt.
In den frei gewordenen Klöstern siedelten sich Manufakturen an, der 1805 fertiggestellte Wiener Neustädter Kanal wurde für den Warentransport genutzt.

Nach der Eröffnung der Südbahn schritt die Industrialisierung rasant voran, die Wiener Neustädter Lokomotivfabrik, Austro-Daimler und die Errichtung eines Flugfeldes, das noch heute der größte Naturflugplatz Europas ist, sorgten für einen starken Zuzug von Arbeitskräften.

Nach Ende des Ersten Weltkrieges erlebte die Stadt einen wirtschaftlichen Niedergang, zahlreiche Großbetriebe wurden geschlossen, die Flugzeugproduktion musste auf Grund des Vertrages von Saint Germain aufgegeben werden, die Menschen verloren ihre Arbeitsplätze.

Am Anfang des Zweiten Weltkrieges wurde Wiener Neustadt zum wichtigen Bahnknotenpunkt ausgebaut und war ein wichtiger Standort der Rüstungsindustrie.
Am Ende des Zweiten Weltkrieges hatten rund 50.000 Bomben die Stadt in Schutt und Asche gelegt, nur rund 18 Gebäude überstanden die Bombardements der Alliierten.

Nach langen Jahren des Wiederaufbaus ist Wiener Neustadt heute wieder ein Industriestandort, eine wichtige Schulstadt und seit 1975 „Europastadt“.

Mit seiner nach wie vor interessanten Innenstadt, in der zahlreiche Gebäude auf die Entdeckung warten, ist sie ein Magnet für Touristen und Touristinnen. Die liebevoll neu gestaltete Fußgängerzone lädt zum Bummeln, nächstes Jahr wird in Wiener Neustadt die Landesausstellung ausgerichtet.

Für die Stadtbesichtigung sollte man sich Zeit nehmen. Da wäre einmal der Wasserturm, der als Wahrzeichen der Stadt gilt. Gleich vis-a-vis findet man das mächtige Gebäude der Akademie, dahinter den Akademiepark und auf der anderen Seite des Wasserturms gelangt man zum Stadtpark.

Entlang der alten Stadtmauern erreicht man die Fußgängerzone mit kleinen Geschäften und landet schließlich am herausgeputzten Hauptplatz mit seinen gotischen Arkaden, dem alten Rathaus und der „Kronen-Apotheke“.

In der Ungargasse steht das Neukloster, in dem sich das Grab von Eleonore von Portugal mit dem sehenswerten Grabdeckel, der zu den bedeutendsten Kunstwerken der Spätgotik in Österreich gehört, befindet.

Wr. Neustadt_©H. Holzinger

Wieder zurück auf den Hauptplatz, dann durch die Domgasse zum mächtig thronenden Dom und dem Probsthaus und durch schmalen Gässchen zum Reckturm, der nach einer wechselvollen Geschichte wieder im alten Glanz erstrahlt.

Wieder die Stadtmauer entlang und hinein in die Fußgängerzone, immer Richtung Hauptplatz und dann weiter wieder zur Akademie.

Schauen Sie beim Sgraffito-Haus in der Neunkrichner Straße vorbei bewundern Sie den Corvinus-Becher im Stadtmuseum, verpassen Sie nicht St. Peter a.d Sperr, strandeln Sie durch die Herzog-Leopold-Straße und machen Sie eine kleine Runde durch den Akademie und Stadtpark.

Sollten Sie müde sein, rund um den Rathausplatz haben sich zahlreiche Kaffees- und Restaurants angesiedelt, die zum Rasten einladen.

Was uns bei unserem Spaziergang nicht verbogen blieb ist, dass die Innenstadt von Wiener Neustadt, so wie in vielen Städten, unter der Abwanderung von Geschäften leidet. Obwohl die Fußgängerzone vorbildlich renoviert wurde, stehen zahlreiche Geschäftslokale leer.
Früher fuhr man von der Peripherie „in die Stadt zum Einkaufen“, heute ziehen die an der Stadtgrenze angesiedelten Einkaufstempeln das Käuferpublikum an, wo kostenloser Parkraum zur Verfügung gestellt wird.
Brandaktuelle Probleme, die viele Stadtplaner und -planerinnen, so auch die Stadtväter und -mütter von Wiener Neustadt vor Mammut-Aufgaben stellt, die es noch zu lösen gilt.

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